Wird KI uns bis 2030 töten?

06.10.2026

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Ein Beitrag von: DISQ-Redaktion

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Gerade herrscht Panik im Silicon Valley: Führende KI-Expert:innen und CEOs fordern staatliche Regulierungen für ihre Modelle. Der Grund sei eine zu schnelle Entwicklung hin zur AGI. Was Sam Altman und Dario Amodei aber in etlichen Interviews im US-Fernsehen prognostizieren, sieht der amerikanisch-chinesische Tech-Experte Alvin Wang Graylin etwas anders.

Lässig und als hätte er nie etwas anderes getan, betritt Alvin Wang Graylin die Bühne, die das DISQ zu seinem 20-jährigen Jubiläum im Soho House Berlin hat aufstellen lassen. Der Tech-Experte aus den USA hält an diesem Abend eine kurze und prägnante Keynote zu seinem Spezialgebiet: KI. Gleich zu Anfang widmet er sich der Frage, die allen irgendwie unter den Fingernägeln brennt: Wird KI uns bis Ende des Jahrzehnts töten, so wie es in den US-Medien gern dargestellt wird? Seine humoristische Antwort: “Nein, zumindest nicht bis 2030. Danach … wahrscheinlich.”

alvin wang graylin
Souverän und ohne großes Tamtam steht Graylin auf der Bühne und überzeugt mit Wissen und Humor.

Ein neuer Denkansatz: KI als Allgemeingut

Erst kürzlich war Graylin in Ostasien, in China und Südkorea. Dort herrschten gänzlich andere Mentalitäten rund um KI, wie er sagt.

Südkorea hatte Ende August für internationales Aufsehen gesorgt, als es KI zur digitalen Grundversorgung seiner Bürgerinnen und Bürger erklärte. Und China stellt seiner Bevölkerung dutzende kostenlose LLMs zur Verfügung, die Profi-Versionen von ChatGPT oder Claude kaum in ihren Fähigkeiten nachstehen.

In diesen Ländern ginge es nicht um das “Rennen um KI” wie in den USA, sondern um KI als Allgemeingut. Das sei laut Graylin einer der größten Unterschiede zur amerikanischen Sichtweise und gleichzeitig die größte Stärke der asiatischen Modelle.

Er plädiert für eine “KI Diffusion”, ist also gegen die privatwirtschaftliche Zuspitzung des Wettrennens am digitalen Markt. Die Logik dahinter: Je mehr Menschen uneingeschränkt Zugang zu KI haben, desto weniger finanzieller Erfolgsdruck herrsche. Das wiederum ließe mehr Kreativität in der Entwicklung und im Einsatz von KI zu.

Mehr KI in der Medizin und Robotik

Die größten Chancen für einen gesellschaftlichen Nutzen der KI sieht der Experte in den Bereichen Medizin und Robotik. Hier könne KI unterstützen, helfen, Arbeit abnehmen. Ja, das bedeute Arbeitsverlust für Menschen, aber auch neue Jobperspektiven.

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Für Deutschland, so Graylin, sei besonders die Robotik interessant. Als Industriestandort macht die Bundesrepublik vor allem im Maschinenbau international von sich reden – das solle Deutschland nutzen und KI so essenziell mitdenken, dass es zum Weltmarktführer in diesem Spezialgebiet werden könne.

Humanoide Modelle, wie sie derzeit reichweitenstark durch die Sozialen Medien geistern (und dabei doch eindrücklich zeigen, wie eng ihre Grenzen derzeit noch sind), sollen dabei keine Rolle spielen. Viel mehr ginge es um großindustrielle Anwendungen und Fertigungsstraßen.

Europa als Bindeglied

Im amerikanisch getriebenen Wettrennen um das größte, schnellste und beste Large Language Model scheint Europa weit abgeschlagen und schlicht irrelevant. Graylin dagegen sieht den Kontinent als künftiges Bindeglied, das zwischen dem westlichen und dem fernöstlichen KI-Ansatz eine zentrale Rolle spielen wird.

Dabei wird nicht mehr die von Altmann und Amodei gefürchtete Version einer AGI im Zentrum der Überlegungen stehen – einer Künstlichen Intelligenz, die sich selbst ohne jegliches Zutun des Menschen weiterentwickelt und schon bald menschliche Fähigkeiten übersteigt. Sondern die KI als globales Allgemeingut, bei dem die Größte, Schnellste und Beste ihre Errungenschaften mit allen anderen teilt.

alvin wang graylin
Kurz vor seiner Keynote teasert Graylin schon an, dass er die Zukunft wesentlich positiver sieht als viele seiner Kolleg:innen.

Weniger RSI und AGI

Doch wenn wir kurz zurück an den Anfang von Graylins Keynote denken, müssen wir uns doch fragen: Was macht KI eigentlich so gefährlich für uns?

Eben bereits angedeutet: Es ist die AGI, die keinen Menschen mehr braucht, um sich zu optimieren. Stattdessen optimiert sie sich selbst in einem sogenannten RSI-Prozess (recursive self improvement; dt.: rekursive Selbstverbesserung) und erschafft damit fortlaufend die nächste KI. Was also, wenn die KI von selbst berechnet, dass es logisch sei, die Menschheit auszulöschen?

Vollständige RSI ist bislang nur theoretisch möglich, aber die Praxis zeigt, dass die Technologie rasend schnell voranschreitet. Genau hier kommen die amerikanischen KI-CEOs ins Spiel. OpenAI-CEO Sam Altman und Anthropic-Chef Dario Amodei forderten jüngst immer mehr staatliche Regulierungen, um RSI gezielt zu verlangsamen. Fraglich, warum sie es nicht einfach von selbst tun. Dazu hat sie die US-Regierung jüngst zumindest angehalten.

alvin wang graylin und bianca moeller
Posieren für die Presse: Alvin Wang Graylin und Bianca Möller, Geschäftsführerin des DISQ

Neues Ende der Menschheit also 2040?

Graylin bleibt während seines ganzen Auftritts beim DISQ-Jubiläum so lässig wie zu Anfang seiner Keynote. Statt Angst vor KI zu schüren, macht er lieber Hoffnung: Wenn sich KI-Modelle nicht in den Händen weniger Menschen bündeln, sondern von vielen – möglicherweise von “allen” – kontrolliert werden, bieten sie wesentlich mehr Vorteile als Nachteile. Solange das allerdings nicht der Fall ist, bleiben sie potenziell gefährlich.

Wenn der Experte also sagt, dass KI die Menschheit bis 2030 nicht töten wird, dann vielleicht bis 2040? Wenn vollständiges RSI zur Realität wird? Auf diese Frage antwortet Graylin mit einem Lächeln: “I actually wrote a paper about that” – zu Deutsch: Wir sollen seinen Essay dazu lesen.

Wer sich mit einer kürzeren Version zufriedengibt, findet auf Substack einen lesenswerten Artikel zu diesem Thema. Bis dahin sagen wir vor allem Danke. Danke an Alvin Wang Graylin für seine Arbeit, für das Bauen von Brücken zwischen den USA und China und das Entschärfen des KI-Wettrennens. Und vor allem dafür, dass wir beim DISQ-Jubiläum einen Teil seiner Expertise erleben und davon lernen durften.

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